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Alles normal?

Was sich gehört, bestimmen Claudia Roth, Martin Schulz und Angela Merkel für uns!

Mittwoch, 04 Oktober 2017 16:56 geschrieben von 

Berlin - ...nicht die Psychopaten, die Borderliner, Neurotiker oder Soziopathen sind unser Problem, es sind die Normalen, die so genannten Normopathen. Es sind diese öden, blassen, blutarmen Gestalten, an die man sich ums Verrecken nicht erinnern kann, obwohl sie uns in einem Zug oder S-Bahn stundenlang gegenübersitzen. Diese grauen Mäuse unserer sogenannten „Normalgesellschaft“ haben ein gemeinsames Motto: Bloß nicht auffallen!

 

Wir kennen sie alle. Schon in der Schule waren sie mittelmäßig, später fanden sie während des Einkaufs oder in einem Waschsalon die Frau fürs Leben, eine, der Sauberkeit und Ordnung über alles ging. Danach machten sie Karriere und wurden Buchhalter in der Finanzverwaltung, widerstanden allerdings dem Bedürfnis, Ärmelschoner zu tragen, nur, um nicht damit aufzufallen. Politisch äußern sie sich nie, man könnte ja die Falschen gut finden. Auch ihre Meinungen liegen stets im Trend. Ein bisschen kritisch, aber nicht allzu viel, in jedem Falle aber so, dass man das vorher gesagte sofort wieder zurücknehmen kann.

Auch beim Sex läuft alles, sauber, ordentlich und ohne Lustschreie ab. Missionarsstellung, da kommt man nicht in den Ruf, irgend etwas Unanständiges zu wollen. Und wehe, Papa kleckert. Später statten sie die Kinder beim Radfahren mit speziellen Schutzhelmen aus, setzen sie in kleine Anhänger, die mit langen, roten Wimpeln versehen sind. Beim Autofahren halten sie sich grundsätzlich an alle Tempolimits, indem sie es etwa um 3 bis 5 Kilometer unterschreiten. Sicher ist sicher.

Sie sterben unspektakulär am Herzinfarkt, wie die meisten ihrer Freunde, und auf deren Grabstein steht: Er lebte still und unscheinbar, weil es so üblich war. Damit liegen sie sogar noch als Leiche total im Trend. Von außen betrachtet ist man nicht sicher, ob sie überhaupt gelebt haben. Und wenn ja, wie. Keiner hat‘s bemerkt. Viele von ihnen haben auch ein gutes Herz, werfen gesellschaftskonform abgetragene Kleider und Schuhe in die dafür vorgesehenen Rotkreuz-Container und entsorgen den Müll streng nach Vorschrift und warten an öffentlichen Schaltern in Behörden darauf, aufgerufen zu werden. Manche sitzen dort jahrelang unbemerkt.

Diese Normalen haben allerdings ein schwerwiegendes Problem! Sie mögen die anderen nicht! Sie hassen all die Bunten, die Schrillen, die Lauten. Es macht sie wütend, dass man überall diesen regellosen Chaoten begegnet, Leute, die falsch parken, die auf der Autobahn immer links fahren oder beim Einkaufen einfach über die Straße latschen. Nie würde es ihnen einfallen, mit solchen Leuten zu reden…! Aber wenn das Fass bei einem solchen Duckmäuser überläuft, dann bricht es aus ihm heraus, aus dem Normalen, dann wird so ein braver Bürger zur Furie.

Ich will ja diese wahnsinnig Normal nicht diskriminieren, sie sind schließlich der Kitt unserer Gesellschaft. Sie sind die Fleisch gewordene Existenzbedingung jeder Straßenverkehrsordnung und das Synonym für Unauffälligkeit. Die wahnsinnig Normalen sind sozusagen das Passepartout, damit sich alle Außergewöhnlichen auch wirklich unwohl fühlen können. Ich wills mal so sagen: Wahnsinnig Normale fallen zwar nicht auf, aber sie können unberechenbar werden. Neulich hat ein Mann in einer Kleingartenanlage eine dreiköpfige Nachbarsfamilie erschlagen, weil deren Hund an den neuen Jägerzaun gepinkelt hat. Alles spricht dafür, dass dieser Mann wahnsinnig normal war, so ähnlich wie dieser Normale in Las Vegas...

Und wer kein Blut sehen kann und deshalb seinen Nachbarn auch nicht gleich erschlagen will, der kann ihn heutzutage psychisch fertigmachen. Damit wird über die Hintertür das Mittelalter – also, der Pranger wieder eingeführt, nur viel effektiver! Und was normal ist, das bestimmen ausschließlich sie selbst und Claudia Roth, wahlweise auch Angela Merkel oder Martin Schulz. Sich festlegen ist nicht so seine Sache. Damals wurde ein Quertreiber noch auf dem Marktplatz für ein paar Stunden in einem Käfig zur Schau gestellt, heute werden diese bedauernswerten „Abweichler“ mittels elektronischer Medien gleich weltweit diskreditiert – gewissermaßen mit Ewigkeitscharakter. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Normalen haben Freude an der Inquisition und bemerken gar nicht, dass sie monströser sind, als die Psychopathen. Ein Hoch der Normalität!

Normabweichendes ist für den „Normopathen“ ein einziges Ärgernis. So wandelt sich jeder nicht ausgelebte Ärger in Aggression. Nach oben ducken, nach unten treten oder aus ihrer Anonymität heraus angreifen, das können sie. Sie halten es sogar für ihr Recht. Sie schießen zwar nur mit Worten, aber mit Worten wie aus einer Knarre. Und erst wenn klar ist, was ihre normalen Nachbarn so denken, sagen sie in wohliger Atmosphäre von Gleichnormalen, was sie alles so Normales denken! Nur kurz mucken sie auf und sagen leise: Ausländer sollen dorthin gehen woher sie kommen. Dann schauen sie sich um, ob es jemand gehört hat. Ansonsten hält der Normopath den Gescheiterten für selbst schuld an seinem Los. Aber im Zweifelsfall kennt er solche Leute gar nicht, nein, er verschwindet schnell in der Versenkung, um nicht weiter aufzufallen…

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Claudio Michele Mancini

Claudio Michele Mancini (Jahrgang 1945) ist ein deutsch-italienischer Schriftsteller.

Seit Oktober 2017 schreibt er auch für HESSEN DEPESCHE. In seinen Romanen im Mafia-Milieu greift Mancini reale Kriminalfälle auf, recherchiert Hintergründe vor Ort in Archiven, bei Carabinieri, Staatsanwälten, Richtern, Opfern und Betroffenen.

Bekannte Werke z.B.

  • Infamità. Ullstein, Berlin 2006, ISBN 3-550-08637-7.
  • Finsterland. Holder-Verlag, Winnenden 2003, ISBN 3-9809283-0-6.

 

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