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"Essen nur für Deutsche"

Essener Tafel unter Rassismusverdacht

Samstag, 24 Februar 2018 02:46 geschrieben von 
Essener Tafel unter Rassismusverdacht Quelle: Claudio Michele Mancini

Essen - Wieder einmal ein politisierter Aufreger, der die deutschen Gemüter erhitzt. Die Essener Tafel will derzeit keine Ausländer mehr versorgen. Nahrungsmittel werden nur noch an Bedürftige mit deutschem Pass abgegeben. Jörg Sartor, der Vorsitzende des Vereins der Essener Tafel sieht sich nun den heftigsten Angriffen ausgesetzt, nachdem diese Meldung im Fernsehen Furore macht.

Dass Hunger keine Frage von Nationalität ist, steht außer Frage. Hunger, echte Bedürftigkeit und Armut kennt keine Rassen- oder Herkunftsgrenzen. Aber dass sich nun reflexartig profilierungsgeile Stimmen wie Aasgeier auf eine unglückliche Formulierung stürzen, ohne einen einzigen Gedanken über Ursache und Wirkung zu verschwenden, ist abermals ein schönes Beispiel für die Virulenz, die das Thema Migranten, Flüchtlinge und Asylanten beweist. Wieder fühlen sich einige wichtig fühlende Menschen bemüßigt, ihrer professionellen Fassungslosigkeit Luft zu machen.

Wie Derwische aus der Kiste melden sie sich mit medienwirksamer Empörung zu Wort, diese Politiker, diese Vorsitzenden von Flüchtlingsvereinen und gut honorierten Geschäftsführer von helfenden Institutionen und dreschen auf ehrenamtliche Helfer ein, die tagtäglich vor Ort bei der Essensausgabe eine anerkennenswerte Leistung an der Gesellschaft erbringen, ohne dafür einen einzigen Cent zu verlangen. Und schon kursieren Vokabeln wie Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung, die von Leuten in die Runde geworfen werden, die sich selbst gerne mit einem humanistischen Weltbild brüsten wollen.

"Die Trennung nach deutschem oder ausländischen Pass ist sehr, sehr ungünstig", kritisierte auch Inka Jatta, Mitglied der Geschäftsführung von Pro Asyl Essen, in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Wie „ungünstig“ der massive Ansturm von Migranten und Ausländern sich auf die Tafeln auswirkt, wird freilich beschönigend unterm Deckel gehalten. In Wuppertal, Gelsenkirchen oder Essen schwankt der prozentuale Anteil hungriger „Ausländer“ zwischen 70 und 85 Prozent. Doch dieser Wert alleine offenbart noch nicht das eigentliche Problem.

Es handelt sich nämlich mehrheitlich um junge Männer, die sich stoßend, pöbelnd, drängelnd, und beleidigend die besten Plätze an der Theke ergattern und den Rentnern oder alleinstehenden Müttern das Fürchten lehren. Beinahe hilflos verteidigte sich der Chef der Essener Ausgabe. „Es hat eine starke Verdrängung an der Tafel stattgefunden. Immer weniger Einheimische sind gekommen, weil sie Angst haben. Unsere Nachfragen haben ergeben, dass sich gerade ältere Frauen von den jungen, fremdsprachigen Männern abgeschreckt und teilweise bedroht gefühlt haben. Alleinerziehende Mütter sind mehr und mehr weggeblieben."

Mag sein, dass man mit einer vernünftigen Organisation gewisse Probleme beseitigen kann. Es wäre sicher auch möglich, durch getrennte Ausgaben oder zeitliche Ausgabeverschiebungen Emotionen und Ängste zu nivellieren. Doch dazu bedarf es geschulten Mitarbeitern an den Tafeln, die sowohl organisatorische als auch psychologische Fähigkeiten haben. Die allerdings kosten Geld. Doch das ficht die fernsehgeilen Wichtigtuer nicht an. Sie zeigen sich lieber publikumswirksam auf der Mattscheibe, als selbst etwas zu unternehmen. Aber weil das Thema ein so wundervoller Aufreger ist, spielen Sender, Moderatoren und profilneurotische Sprücheklopfer auch noch das Spielchen mit.

Ursache und Wirkung, mein eingangs erwähntes Stichwort, solche Begrifflichkeiten werden selbstredend zurückgedrängt, weil bei näherer Betrachtung dann die wahren Verantwortlichen am Pranger stünden, nämlich jene, die den jetzigen Zuständen am unteren Ende der sozialen Skala durch fahrlässige Politik seit Jahren Vorschub geleistet haben.

Nein, Hunger kennt keine Ausländer oder Fremde, Hunger ist international. Dennoch, das Gleichbehandlungsprinzip wird außer Kraft gesetzt, wenn Verantwortliche leichtfertig und naiv soziologische Verhältnisse schaffen, die man getrost als dumm, gewissenlos und gefährlich bezeichnen kann. Wie gefährlich, das erfährt Herr Sator, Chef der Tafel, jetzt am eigenen Leibe. Er wird seit dem Vormittag verbal und körperlich massiv bedroht. Von wem? Sicher nicht von bedürftigen Rentnern oder alleinstehenden Müttern.

Besonders verwerflich wird die Kritik, wenn Menschen, denen man eine gewisse Intelligenz und Weitsicht unterstellen darf, sich öffentlich äußern, wie beispielsweise auch die Sprecherin der Tafel Antje Tölsch. Wir lehnen ein Vorgehen wie in Essen klar ab. Wir erfassen keine Nationalitäten, wir erfassen Bedürftigkeit“. Damit steht für sie wohl die Schuldfrage fest. Der Idiot ist der Essener Chef der Tafel, der sich nicht zu helfen weiß, wie er das aggressive Ausländer-Problem in seinem Laden in den Griff bekommen soll. Es stünde dieser Dame besser zu Gesicht, wenn sie ihren ehrenamtlichen Helfer den Rücken freihielte. Aber nein, so sind sie eben, die Opportunisten mit ausgeprägtem Hang zum öffentlichen Applaus. Nur nicht anecken! Bloß keine Meinung äußern, die mein Amt in Frage stellen könnte. Das ist die humanistische Devise.

Man muss nicht besonders helle im Kopf sein, um zu begreifen, dass eine gebrechliche Rentnerin oder ein seniler Pensionär mit Minimalversorgung sich kaum noch trauen, sich zwischen virilen und rücksichtslosen junge afrikanischen Flüchtlingen in die Warteschlange einzureihen. Wenn man es genau nimmt, sind die heutigen Kommentare in der Presse auch nichts anderes als eine Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen. Angesichts dieser Tatsache wirken empörte Stellungnahmen von selbsternannten Meinungsbildnern, man könne nicht nach Nationalität die Essensausgabe an der Tafel trennen, zynisch und unmenschlich.

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Claudio Michele Mancini

Claudio Michele Mancini (Jahrgang 1945) ist ein deutsch-italienischer Schriftsteller.

Seit Oktober 2017 schreibt er auch für HESSEN DEPESCHE. In seinen Romanen im Mafia-Milieu greift Mancini reale Kriminalfälle auf, recherchiert Hintergründe vor Ort in Archiven, bei Carabinieri, Staatsanwälten, Richtern, Opfern und Betroffenen.

Bekannte Werke z.B.

  • Infamità. Ullstein, Berlin 2006, ISBN 3-550-08637-7.
  • Finsterland. Holder-Verlag, Winnenden 2003, ISBN 3-9809283-0-6.

 

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