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Wahl ohne Gesicht

Das 10 Prozent Desaster: Warum die AfD in Bayern versagte

Freitag, 19 Oktober 2018 19:07 geschrieben von  Felix Lautenschläger
Noch führt Martin Sichert, MdB den Landesverband Bayern der AfD Noch führt Martin Sichert, MdB den Landesverband Bayern der AfD Quelle: AfD Bayern

München - Bei der bayerischen Landtagswahl ist die AfD Bayern weit unter den Erwartungen geblieben. Was sind die Gründe dafür?

Eines vorweg: Wer als AfD-Mitglied oder -Funktionär mit knapp über 10 Prozent an Wählerzustimmung zufrieden ist, hat den Knall nicht gehört. Die AfD ist angetreten, Volkspartei zu werden. Nichts anderes wird von ihr erwartet. Diese Landtagswahl in Bayern hat jedoch solche Träume in weite Ferne rücken lassen. Stattdessen musste man erleben, dass die Grünen im Freistaat an die 18 Prozent holten. Die linksradikale Öko- und Verbotspartei ist mit ihrer Spitzenkandidatin Katharina Schulze damit mit wehenden Fahnen an der AfD vorbeigezogen!

Die Haltung „Hauptsache drin“ darf keine größeren Kreise ziehen – weder in Bayern, noch anderswo. Dass die Alternative für Deutschland in Bayern nicht einmal ihr Bundestagsergebnis von 12,6 Prozent bestätigen konnte, ist eine bittere Niederlage – wie man es auch dreht und wendet. Denn seit der Bundestagswahl 2017 hat die AfD im Bundesdurchschnitt um mehr als fünf Prozent zugelegt. Das hätte sich auch in Bayern widerspiegeln müssen.

Trotzdem holte die AfD ausgerechnet in Bayern weniger Stimmen – und das in dem Bundesland, das vom Einmarsch illegaler Migranten zuerst und am stärksten betroffen war, das über eine große, konservative Wählerschaft verfügt und dessen „CSU-Landesväter“ Horst Seehofer und Markus Söder immer wieder von der Kaiserin in Berlin entmannt wurden. Ausgerechnet in diesem Bundesland geht die AfD mit gerade einmal 10,2 Prozent nach Hause. Nicht zu fassen!

Kopflos, planlos, ideenlos

Was falsch gelaufen ist? Die häufigste Erklärung lautet: Die Freien Wähler haben der AfD die Wähler abgenommen. Nun ja. Natürlich stimmt das zum Teil. Aber die Freien Wähler sind nicht vom Himmel gefallen. Warum hat die AfD Bayern ihre Wahlkampfstrategie nicht darauf ausgerichtet?

Und damit sind wir schon bei den Ursachen für das schlechte Abschneiden. Es gab im Wesentlichen drei Gründe dafür. Es fehlten: eine kluge Wahlkampfstrategie, ein starker Spitzenkandidat und ein präsenter Landesvorsitzender. Es gab niemanden, der als Identifikationsfigur die nötige Strahlkraft nach außen und den nötigen Zusammenhalt nach innen erzeugen konnte.

In eine Wahl ohne ein Gesicht, eine Identifikationsfigur, einen ‚Leader‘ zu gehen, ist fahrlässig. Dies bestätigen nicht nur alle Marketingexperten. Das ist Basiswissen der Wahlkampfführung. Es ist daher erstaunlich, dass sich die AfD Bayern zu dieser Dummheit hat verleiten lassen. Statt eines Spitzenkandidaten gab es jeweils lokale ‚Leader‘, von den jedoch lediglich Katrin Ebner-Steiner und Franz Bergmüller überregional präsent und bekannt wurden.

Strategie, welche Strategie?

Noch schwerer als die mangelnde Bekanntheit des Spitzenpaares wiegte die strategische Planlosigkeit. Ein koordinierter Wahlkampf, der für die Zuschauer auch eine spürbare Dramaturgie hätte enthalten – und die Wähler vom Stuhl hätte reißen müssen! – war nirgendwo zu sehen. Von einer Partei, die Deutschland vor dem sicheren Untergang bewahren will, hätte man mehr erwartet. Mehr Leidenschaft! Mehr Zorn! Mehr Power! Statt den Landtagswahlkampf mit Hilfe aus Berlin zu einem multimedialen und audiovisuellen Großereignis zu machen, hatte man den Eindruck: Die kleinen KV’s der Bayern-AfD stemmen die Show alleine, und zwar mehr schlecht als recht. Kleine Wahlkampfveranstaltungen in vielen kleinen Käffern – zum Teil mit prominentem Besuch aus Berlin – erreichten in den allermeisten Fällen höchstens die wenigen Zuhörer vor Ort. An eine professionelle Aufbereitung und Weiterverbreitung dieser Veranstaltungen, die mit professionell gemachten Videos und 1a Tonqualität begonnen hätte, war gar nicht zu denken. Eine Partei aber, die solche Kleinigkeiten nicht hinbekommt, dementsprechend kaum gesehen und wahrgenommen wird, kann sich über 10 Prozent noch freuen.

Zersetzung aus den eigenen Reihen

Wer die Stimmung innerhalb der bayerischen Landesgruppe abtastet, so wie der Autor es in den letzten Wochen und Monaten getan hat, wird noch mit ganz anderen Unerfreulichkeiten konfrontiert. So gibt es in Bayern einen kleinen aber effektiven Kreis von Nörglern, die neben der Produktion schlechter Stimmung vor allem die Schwäche des jeweiligen Landesvorsitzenden verantworten: und zwar egal wer es gerade ist. Schon zu Zeiten, als der erste Vorsitzende Schünemann die Partei führte, wurden die ewigen Störer aktiv. Kaum wurde Schünemann gestürzt, intrigierten die gleichen Leute gegen seinen Nachfolger Andre Wächter, nur um nach seinem Sturz gegen den darauf folgenden Parteichef Petr Bystron zu ätzen.

Immerhin schaffte es Bystron als bisher einziger Landesvorsitzender in Bayern, die volle Amtszeit zu regieren. Ob es seinem Nachfolger im Amt, Martin Sichert, gelingt, ist fraglich. Die Nörgler sind wieder aktiv: Gegen Sichert lief bereits nach wenigen Wochen im Amt eine Abwahlinitiative. Diese wurde von den Initiatoren bis nach der Wahl verschoben. Mit dem schlechten Abschneiden wird sich der Druck auf den Franken Sichert jedoch erhöhen.

Mangelnde Verwurzelung

Irgendjemand scheint ein Interesse daran zu haben, Misstrauen und Unsicherheit zu verbreiten und so das Fortkommen der Partei zu behindern. Dazu gehört eine regelrechte Blockadehaltung mancher Kreisverbände, die dafür sorgte, dass die Partei kurz vor den Wahlen einen Aufnahmestopp für Neumitglieder verhängte. Zusammen mit dem in Bayern geltenden Moratoriums von einem Jahr für Personen, die aus anderen Parteien zur AfD kommen und dort Ämter bekleiden wollten, ein tödlicher Mix.

Wie die Wahlen gezeigt haben, punkteten die Freien Wähler besonders durch die örtlich bekannten Kandidaten. Statt erfahrene Lokalpolitiker in der AfD willkommen zu heißen und aufsteigen zu lassen, sendet man genau das entgegengesetzte Signal. Das Ergebnis: Die AfD in Bayern verlor im Vergleich zu der Bundestagswahl an Stimmen. Es gelang ihr nicht, die bürgerlichen Wähler für sich zu gewinnen.

An den Freien Wählern kann man sehen, worauf es bei einer Landtagswahl ankommt: Verwurzelung der Kandidaten in der Nachbarschaft, in der Gemeinde, in den Vereinen. Wen die ländliche Bevölkerung nicht kennt, den wählt sie auch nicht. All das sind keine Geheimnisse. Jeder in Bayern weiß, wie Bayern tickt. Dass die AfD – noch dazu bei einer solch wichtigen Schicksalswahl für die Zukunft der Partei – solche Selbstverständlichkeiten einfach übersieht und dadurch ganz ohne Not unzählige Stimmen verschenkt, macht nachdenklich. Braucht es ein weiteres, dürftiges Ergebnis bei den kommenden Wahlen in Hessen am 28. Oktober, um diese Lektion zu lernen? Man darf gespannt sein.


 

Über den Autor des Beitrags:

Felix Lautenschläger ist Mitglied der AfD-Bayern und studiert Politikwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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