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Lebensmittelausgabe als Politikum

Dachauer Tafel verweigert Essensausgabe an Asylanten

Samstag, 17 Oktober 2015 02:15 geschrieben von 
Roten Kreuzes Roten Kreuzes

Dachau - Im Jahr 2013 beschloss die Dachauer Tafel, nicht-anerkannte Asylbewerber von der Lebensmittel-Verteilung auszuschließen. Zwei Jahre lang störte sich niemand an dieser Beschlusslage. Ausgerechnet im Herbst 2015, in dem Deutschland einen historisch beispiellosen Asylantenansturm erlebt und deshalb auch viele Tafeln überfordert sind, wird diese Praxis von einigen Medien skandalisiert. Die Tafeln unterstützen gegenwärtig etwa eine Million bedürftige Deutsche und mehr als 150.000 „Flüchtlinge“ mit Lebensmitteln. Sie sind entweder als Verein organisiert oder gehören zu den bekannten Wohlfahrtsverbänden. Jede Tafel kann autonom entscheiden, wen sie als bedürftig ansieht und wem sie einen Berechtigungsschein für Lebensmittel gibt. Träger der Dachauer Tafel ist das Bayerische Rote Kreuz (BRK).

Der Vorsitzende des BRK-Kreisverbandes Dachau, der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath, verteidigt die Entscheidung, keine Lebensmittel an nicht-anerkannte Asylbewerber auszuhändigen. Diese sollten lernen, sich das vom Staat erhaltene Geld richtig einzuteilen. „Wenn sie für einen Euro bei der Tafel so viele Lebensmittel bekommen, wie sie wollen“, würde dieser Lerneffekt ausbleiben, so der CSU-Politiker. Während die Landtags-Grünen Bernhard Seidenath einen „rassistischen Zungenschlag“ vorwerfen, sagt dieser: „Wer hier in Deutschland aufgewachsen ist, weiß, wie er sich sein Geld einteilen muss. Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen und sich in unserem Land nicht auskennen, wissen das nicht.“

Die Leiterin der Dachauer Tafel, Edda Drittenpreis, verweist auf die hohen Ansprüche der Asylanten und die schlechten Erfahrungen, die man mit ihnen gemacht habe: „Das, was wir haben, essen die Asylbewerber ja alles nicht, die wollen Couscous und Kichererbsen.“ „Migranten und Moslems“ seien wiederholt negativ aufgefallen. Es sei mehrfach vorgekommen, dass sie Lebensmittel nach der Ausgabe auf die Straße oder in den Müll geworfen hätten, so Drittenpreis. Aber sie macht auch auf einen grundsätzlichen Aspekt aufmerksam: Weil Asylbewerber in Deutschland nicht jahrelang Sozialversicherungsbeiträge gezahlt hätten wie andere Tafel-Gänger, dürften sie auch nicht dieselben Tafel-Leistungen erhalten wie diese.

Massive Kritik äußert hingegen der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. und kündigt interne Gespräche mit den Verantwortlichen der Dachauer Tafel an. Der Bundesverbandsvorsitzende Jochen Brühl erklärt: „Die Ausgrenzung bestimmter Gruppen ist mit der Tafel-Idee schlichtweg nicht vereinbar und ein Verstoß gegen die Grundsätze des Bundesverbands. Panikmache und Polemik dürfen das gesellschaftliche Klima in Deutschland nicht vergiften.“ Eine Sprecherin des Bundesverbandes ergänzt: „Tafeln helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen. Bei Flüchtlingen ist dieses Kriterium gegeben.“ Auch das Generalsekretariat des Roten Kreuzes in Berlin betont, innerhalb des Wohlfahrtsverbandes unterscheide man nicht nach Nationalität, Rasse, Religion, sozialer Stellung oder politischer Überzeugung.

Die Landesgeschäftsstelle Bayern des Roten Kreuzes verteidigt hingegen den Beschluss der Dachauer Tafel und warnt vor einer Benachteiligung einheimischer Bedürftiger. „Ich kann die Argumente nachvollziehen“, sagt BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. „Wenn der Dachauer Kreisverband sich so entscheidet, muss ich das akzeptieren.“ Stärk sieht angesichts der hohen Asylantenzahlen die Stimmung in Deutschland kippen  und warnt: „Wir bekommen massive Probleme, weil die Einheimischen sich benachteiligt fühlen.“ Das Rote Kreuz sei schließlich auch für die Bevölkerung zuständig, die „schon vorher da war“.

Der Kreisverband Dachau des Deutschen Roten Kreuzes spricht auf seiner Webseite von einer „Hetzkampagne“ gegen die Tafel und stellt klar: „Wir versorgen ca. 1.200 Bürger aus Stadt und Landkreis Dachau, der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund beläuft sich auf ca. 2/3. Wir weisen daher die Vorwürfe, dass wir Unterschiede zwischen Religionen oder Gruppen machen vehement zurück. Darunter sind auch anerkannte Flüchtlinge, nur eben keine deren Verfahren derzeit noch laufen.“

Ob die Dachauer Tafel und der BRK-Kreisverband ihrer Linie trotz des medialen Trommelfeuers treu bleiben, wird sich zeigen.

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Max Semmler

Max Semmler wurde 1978 geboren und studierte an einer süddeutschen Universität Geschichte sowie Soziologie.

Er ist seither als freiberuflicher Journalist mit den Schwerpunkten Bundes- und Landespolitik tätig. Sein besonderes Interesse gilt der Politik in Bayern und seinen sieben Regierungsbezirken.

Webseite: www.bayern-depesche.de
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