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Bayerischer Lehrerinnen- und Lehrerverband will Hitler-Buch „entmythologisieren“

Kommentierte Fassung von „Mein Kampf“ soll Unterrichtsstoff an Bayerns Schulen werden

Montag, 18 Januar 2016 20:37 geschrieben von 
 Adolf Hitler, der umstrittenste Buchautor des 20. Jahrhunderts Adolf Hitler, der umstrittenste Buchautor des 20. Jahrhunderts Quelle: BAYERN DEPESCHE

München - Mit Beginn des Jahres 2016 sind die Urheberrechte des Freistaates Bayern an Adolf Hitlers Schrift „Mein Kampf“ ausgelaufen. Sieben Jahrzehnte lang hatte der Freistaat als Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlages dafür gesorgt, dass Nachdrucke und Neuauflagen des Buches hierzulande verboten waren.

 

 

71 Jahre nach Hitlers Tod ist unter der Federführung des Instituts für Zeitgeschichte eine Neuausgabe mit kritischen Begleittexten erschienen. Andreas Wirsching, Chef des Instituts, beschreibt die Zielsetzung seines Hauses so: „Was wir herausbringen, ist eine Anti-Hitler-Schrift. Wir wollen Hitler umzingeln.“ Die Neuedition, die Hitler anhand seiner eigenen Aussagen entzaubern soll, umfasst 1.948 Seiten und kostet 59 Euro. 780 Seiten der fast 2.000 Seiten entstammen der Originalvorlage, und die anderen Seiten enthalten 3.500 Anmerkungen und Kommentare samt Einleitung und Register.

Sowohl das Bayerische Bildungsministerium als auch der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) haben sich dafür ausgesprochen, die kommentierte Fassung von Hitlers „Mein Kampf“ zum Unterrichtsstoff zu machen. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann will das Buch, das bis Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland über zwölf Millionen Mal gedruckt wurde, gründlich „entmythologisieren“. Deshalb fordert sie eine altersgerechte Beschäftigung mit dem Buch: „Wir müssen den Schülern jetzt eine kritische Auseinandersetzung mit der Schrift ermöglichen, die passgenau für ihre Altersstufe ist.“

Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) hat angekündigt, den weiterführenden Schulen in Bayern Empfehlungen zur historischen Einordnung des Buches zukommen zu lassen. Weil das Bildungsministerium Lehrern offenbar trotz der kommentierten Neufassung nicht zutraut, Hitler zu dekonstruieren, sollen ab Februar in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für Politische Bildung spezielle Fortbildungskurse für Lehrer angeboten werden, die im Umgang mit zeitgenössischen Quellen wie „Mein Kampf“ sattelfester werden wollen.

In einer Mitteilung hat das Bildungsministerium schon methodische Vorgaben zur Arbeit mit dem Buch gemacht. Dort ist zu lesen, die „Wurzeln der Inhalte der Hetzschrift müssen erklärt, die Inhalte kontextualisert und distanzierend aufgearbeitet werden“. Das „menschenverachtende Weltbild Hitlers und der NSDAP“ müsse demaskiert werden, damit das Buch nicht „politisch oder ideologisch missbräuchlich eingesetzt oder falsch verstanden werden kann“.

Kultusminister Ludwig Spaenle lehnt es aber trotz der kritischen Kommentierung ab, die Schüler das gefürchtete Buch ganz lesen zu lassen. Einzelne Zitate oder Textpassagen würden für die kritische Auseinandersetzung ausreichen.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann sieht das anders, sofern sich Lehrer eine direkte Textauseinandersetzung zutrauen würden: „Es gibt mehrere Zugangsmöglichkeiten zu einem solchen Text. Wir müssen den Kollegen die Freiheit geben, sensibel und passgenau für ihre Klassenstufen damit umzugehen.“ Wegen der Debatte um steigende Asylantenzahlen, kulturelle Konflikte und stärker werdende rechte Kräfte passe die kritische Auseinandersetzung mit dem Buch in die Zeit. „Dafür braucht es viel Sensibilität und politische Reflexion. Aber eins lässt sich ohne das andere nicht diskutieren“, so Fleischmann.

Was das 1925 erstveröffentlichte Buch, das eigentlich nur eine streng zeitgebundene Hitler-Autobiographie ist, mit der Asylkrise des Jahres 2016 und ihrer Kritik zu tun haben soll, wird sich den meisten Schülern wohl nicht erschließen.

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Max Semmler

Max Semmler wurde 1978 geboren und studierte an einer süddeutschen Universität Geschichte sowie Soziologie.

Er ist seither als freiberuflicher Journalist mit den Schwerpunkten Bundes- und Landespolitik tätig. Sein besonderes Interesse gilt der Politik in Bayern und seinen sieben Regierungsbezirken.

Webseite: www.bayern-depesche.de
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